ELTERN Family 03/2020
Kribbeln, Augenjucken, ständiges Niesen: Heuschnupfen wird immer häufiger, vor allem bei Schulkindern. Daran ist auch der Klimawandel schuld. Und jetzt?
Wenn Jugendliche freitags für das Klima streiken, sind ziemlich sicher jedes Mal auch Mädchen und Jungen mit Heuschnupfen darunter. Ob es ihnen bewusst ist oder nicht: Sie demonstrieren auch in persönlicher Sache. Denn einige der Schadstoffe, die zum Klimawandel beitragen, befeuern auch ihre Pollenallergie.
Heuschnupfen ist die am weitesten verbreitete allergische Erkrankung in Deutschland. Jeder Siebte leidet an dieser Variante des allergischen Schnupfens (allergische Rhinitis), darunter etwa eine Million Kinder. Ihr Immunsystem kämpft gegen Blütenstaub wie sonst gegen Viren – mit Fließschnupfen, Niesattacken, geschwollenen Schleimhäuten. Oft kommen Kopfschmerz, Müdigkeit und Atemnot hinzu.
Statistisch gesehen gibt es heute mindestens doppelt so viele Patienten wie in den 1980er-Jahren – aber warum ist das so? Und: Wie kommt es, dass Jugendliche vier Mal häufiger Heuschnupfen haben als Kindergartenkinder?
„Niemand kommt allergisch auf die Welt, und Inhalationsallergien entwickeln Kinder typischerweise relativ spät“, sagt Prof. Claudia Traidl-Hoffmann. Doch das ist nicht alles, weiß die Chefärztin der Hochschulambulanz für Umweltmedizin am Universitätsklinikum Augsburg, die seit Jahren über Heuschnupfen forscht: „Die Umweltbedingungen heute fördern Allergien, vor allem durch Luftschadstoffe. Und Jugendliche sind ihnen schon länger ausgesetzt als Kleinkinder.“ Zudem beobachtet die Allergologin an Patienten jeden Alters zunehmend schwerere Symptome. Warum das so ist, hat sie im Studienzentrum der Augsburger Hochschulambulanz am Beispiel eines der stärksten Inhalationsallergene erforscht: Birkenpollen.
Warum Luftverschmutzung Heuschnupfen häufiger macht – und schlimmer
Für die Studie haben Studierende Birkenkätzchen gezählt und die Luftqualität erfasst. Wissenschaftler züchteten Birken in Testatmosphären mit Schadstoffen, andere erforschten die Reaktion von Nasenepithelzellen im Reagenzglas auf Pollen.
Gemeinsam fand das Augsburger Team heraus: Luftschadstoffe lösen nicht nur unmittelbar entzündliche Prozesse in den Schleimhäuten aus und machen sie so anfälliger für Allergene. Sie verändern auch die Menge der Pollen und ihr allergenes Potenzial. Eine hohe Kohlendioxid-Belastung sorgt dafür, dass eine Birke mehr Blütenstaub erzeugt. Dagegen machen Stickstoffdioxid, Ozon sowie Feinstaub-Partikel die Allergene aggressiver. Das zeigten in Augsburg Hauttests an Heuschnupfen-Patienten. Dazu kommt ein weiterer Effekt: Der Klimawandel hat die Saison verlängert, Hasel und Erle blühen heute manchmal schon im Dezember, Gräser bis in den Spätherbst. Und schließlich sind neue Allergene auf dem Vormarsch, etwa die der Beifuß-Ambrosie, in den USA das Allergen Nummer Eins. „All das bedeutet eine längere und härtere Leidenszeit für Heuschnupfen-Patienten“, so die Allergologin.
Weshalb Prävention wichtiger wird – und was man dafür tun kann
Die neuen Erkenntnisse sind beklemmend, gerade für Eltern, die Allergiker sind, denn ihre Kinder haben eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, selbst an Heuschnupfen, Neurodermitis, Asthma oder einer anderen Allergie zu erkranken. Ohne familiäre Vorbelastung beträgt das Risiko bis zu 15 Prozent, sind Vater und Mutter allergisch, steigt es auf über 50 Prozent.
Ob aus einer Veranlagung eine Allergie wird, hängt jedoch auch vom Lebensstil und von Umwelteinflüssen ab. Das bedeutet auch eine gute Nachricht: Bis zu einem gewissen Grad kann man sein persönliches Risiko selbst beeinflussen – und das seiner Kinder. Claudia Traidl-Hoffmann: „Die Wahrscheinlichkeit für eine Allergie durch die veränderten Lebensbedingungen ist heute so hoch, dass jeder jede Chance nutzen sollte, zu meiden, was schadet und zu tun, was schützt – ob er genetisch vorbelastet ist oder nicht.“
Als entscheidende Phase für die Vorbeugung mit schützenden Faktoren gilt das erste Lebensjahr. Später kommt es eher darauf an, Schädliches zu meiden:
- Luftschadstoffe (an einer verkehrsreichen Straße wohnen)
- Tabakrauch
- Innenraumschadstoffe (feuchte, verschimmelte Räume, Formaldehyd)
- Chlorwasser im Schwimmbad (erhöht das Asthma-Risiko)
- zu viel Hygiene, etwa der Einsatz antibakterieller Reinigungsmittel und Desinfektionsmittel
- Weichmacher, z. B. aus Bodenbelägen und Spielzeugen
- Übergewicht
- Wenn es irgendwie geht: psychischen Stress vermeiden
Wer aktiv vorbeugen will, könne, so Claudia Traidl-Hoffmann, auch versuchen, von einem seit Längerem bekannten Schutzfaktor zu profitieren: dem Bauernhof-Effekt. Das Schlagwort bezieht sich auf das halb so hohe Allergierisiko von Kindern, die auf traditionellen Höfen mit viel Kontakt zu Tieren – vor allem zu Kühen – aufwachsen. Zwar sei es nicht immer möglich, aufs Land zu ziehen und für nur wenige realistisch, Kühe zu halten, aber: „Statt auf die Malediven zu fliegen kann man mit den Kindern zumindest mal auf dem Land Ferien machen. Auch das ist ein Baustein in einem gesunden Lebenskonzept.“
Wozu Forscher Luft aus Kuhställen absaugen und Babys einen Milchshake für die Haut bekommen
Was genau am Leben in der traditionellen Landwirtschaft vorbeugend wirkt, ist noch nicht vollends erforscht. Wissenschaftler gehen aber davon aus, dass der Schutz auf Stallstäube zurückzuführen ist, deren spezielles Gemisch aus Mikroben und Pflanzenbestandteilen das Immunsystem aktiviert. Diesen Effekt zeigt eine Studie, die die Allergieneigungen und Stallstäube zweier religiöser Gemeinschaften in den ländlichen USA verglich: die der Amische, die noch heute mit Pferden pflügen, und die der Hutterer, die industrialisierte Landwirtschaft betreiben. Bei ähnlichen Lebens- und Umweltbedingungen leiden Hutterer bis zu sechsmal häufiger an Allergien. In Tests an Mäusen erwies sich der Stallstaub der Amischen als allergievorbeugend.
Forscher am Helmholtz-Zentrum München versuchen derzeit, das Geheimnis im Staub zu lüften: Sie saugen Luft aus Kuhställen und analysieren das Mikrobengemisch. „Wir hoffen, daraus eine Spritze zu entwickeln, die vor Allergien schützt“, sagt Claudia Traidl-Hoffmann, die die Arbeit ihrer Kollegen gespannt verfolgt.
Die Augsburger Umweltmedizinerin arbeitet gemeinsam mit einem interdisziplinären Team an einer Interventionsstudie (gefördert von der Christine Kühne Stiftung CK Care): Sie testen derzeit am St. Gallener Kinderspital, ob ein Milchshake mit kurzkettigen Fettsäuren bei Babys gegen Neurodermitis helfen kann. Eine gestörte Hautbarriere begünstigt Allergien. Erste Ergebnisse erwartet Claudia Traidl-Hoffmann in zwei bis drei Jahren.
Was bei Heuschnupfen hilft – und wie man ihn los wird
Bei Heuschnupfen kommt es auf eine wirksame Therapie an – und nicht nur, damit die Symptome erträglicher werden. Denn gerade wenn die Krankheit unbehandelt bleibt, kann es zum sogenannten „Etagenwechsel“ kommen, bei dem sich aus der Pollenallergie das weit belastendere Asthma bronchiale entwickelt.
Kindern helfen dieselben Medikamente wie erwachsenen Patienten, jedoch in einer altersangepassten Dosierung: ein mildes Nasenspray mit Cortison, antiallergische Augentropfen und Antihistaminika.
Die Alternative ist eine Hyposensibilisierung (spezifische Immuntherapie), die für Kinder ab fünf zugelassen ist. Dabei bekommen kleine Schniefnasen für mindestens drei Jahre in Folge regelmäßig ein Präparat mit dem gereinigten Allergen. Dadurch soll das Immunsystem lernen, die Pollen wieder zu tolerieren. Die Erfolgschancen liegen heute bei 70 bis 80 Prozent. Claudia Traidl-Hoffmann empfiehlt jedem Heuschnupfen-Patienten eine Hyposensibilisierung, denn: „Das Verfahren geht über eine Therapie hinaus, das Ziel ist die Heilung von der Allergie. Und eine Hyposensibilisierung kann sogar Asthma vorbeugen.“
Wie die Pollensaison auch Nicht-Allergikern zu schaffen macht
Heuschnupfen-Symptome entwickeln heute sogar Menschen, die nachweislich nicht allergisch sind. Das liege wahrscheinlich daran, dass die veränderten Pollen verstärkt Entzündungsprozesse in Gang setzten, so Prof.Traidl-Hoffmann. Mehr noch: Sie machen selbst Menschen ohne allergische Sensibilisierung anfälliger für Atemwegsinfekte während der Pollenflugzeit. Der Grund: Sie schwächen die Widerstandskraft der Schleimhäute gegen Viren. Das brachte eine internationale Studie mit 5.000 Patienten ans Licht, an der die Augsburger Chefärztin und ihr Team mitgearbeitet haben.
Längst engagiert sich Claudia Traidl-Hoffmann politisch dafür, dass gegen die Luftverschmutzung entschiedener gehandelt wird, etwa bei den Vereinten Nationen: „Der Planet, das Klima, die Umwelt und die Gesundheit: Das ist alles eins. Wir dürfen das nicht verschlafen.“